Auszug aus meinem Tagebuch 2013

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Aus dem herrlichen Gebirge…

 

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…ins Flachland

Ich muß mich  wieder einmal überwinden: ich bin ein Jahr älter geworden, mit 59 Jahren nicht mehr ganz blutig jung, gehe  wieder solo, und die Nächte sind schon kühler. Noch sitze ich im behaglichen Zug. Es ist Nachmittag. Heute Nacht campiere ich vielleicht schon im Freien. Wie oft werde ich noch auf Wanderschaft gehen?

Ich fange dort an, wo ich letztes Jahr aufgehört habe: Bobfingen, was für ein Startpunkt!  Wenn man aus den schönen Bergen kommt, fühlt man sich schon etwas verrückt. Zuhause Reizklima, rauschende Gebirgsbäche, helle Felsen, hier wenig aufregendes Flachland mit schwäbischen Häuslebauern,  Durchgangsstraßen, und, wer weiß, ob es da irgendwas Reizvolles gibt. Besonders schwer  fällt mir der Verzicht auf mein häusliches Bett. Was für ein Bett: nicht zu kalt, nicht zu warm, sauber, keine Fliegen, gute Matratze, – was gibt es Schöneres?

Aber vielleicht ist es genau deshalb wichtig, gleich am ersten Tag im Freien zu übernachten. Es geht eben wie bei einer kalten Morgendusche ums Aufwachen und Umstellen. Auf, auf, in den Kampf, ins feindlich Unbekannte, wo es hoffentlich bald wieder sehr schnell freundlich wird! Ich kaufe in Nördlingen beim Umsteigen noch schnell eine Wanderkarte und “checke”, wie man so schön auf Neudeutsch sagt, im Internetcafe, die in der Spielhalle versteckt liegt, meine email.

Bopfingen ist “brav”, nicht aufregend aber solide schwäbische Provinz. Der Schweinekrustenbraten im Gasthaus am Stadtrand kalt und langweilig. Aber ein paar echte “Schwoba”  sitzen gerade am Stammtisch in der alten Wirtshausstube. Das geht mir Fremden warm ans Herz. Sie wirken für mich wie aus einer anderen Welt, reden bedächtig, haben wenig zu sagen und machen vor lauter Mangel an aufregenden Themen Stielaugen zum Gast mit dem großen roten Rucksack. Mein Rucksack, der in der Ecke lehnt, sieht ja auch in der Kleinststadt Bopfingen überdimensioniert aus. Der fette Wirt fragt mich jetzt: “Machen Sie den Schwäbischen-Alb-Weg?” Ich verneine. “Ich gehe meinen eigenen Weg.” Gespräch beendet.

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Bobfingen mit Vulkankegel Yps

Nach dem Zahlen Rückzug in die Toilette. Ich putze mir die Zähne, fülle mir 2 Halbliterflaschen mit Wasser, dann gehe ich los, Richtung Korkstein, westlich vom  Yps.Korkstein

Die Sonne steht tief, als ich den Ortsrand erreiche. Es wird still. Ich sehe keinen Menschen und kein Mensch sieht mich. Ich atme durch. Aus der Straße wird ein Feldweg, der an Obstbäumen und kleinen Wiesenstücken vorbei auf die Anhöhe des Korksteins führt. Hier oben bin ich ganz allein. Halt, da hinten arbeitet noch ein Bauer mit seinem Traktor im Feld. Aber ich muß nicht lange warten. Schon fährt er ab. Ich ducke mich noch etwas hinter eine Hecke, bis er weg ist. Jetzt suche ich mir einen versteckten, flachen Winkel, der sich als Zeltplatz eignet.  Auf der Magerwiese hinter der Hecke wird mich nicht so leicht jemand heimsuchen. Bald ist mein “Tarptent” aufgestellt. Meine Wanderstöcke dienen als Hauptstützen beim Zelteneingang. Mein Zelt, mein Haus! Es wiegt nur 1100 gr, bietet Mückenschutz, relativ guten Regenschutz, und ist doch das simpelste Ding der Welt.

Es zirpt beruhigend. Spätsommer. Alles ist gut zu mir: Die neue Schlafmatte von Exped ist wunderbar weich und isoliert gegen Kälte, ist allerdings etwas mühsam aufzupumpen. Mein neuer Daunenschlafsack von Mountain Equipment, der “Glacier 500 Women’s”, ist schön warm und bauschig. ‘Wie geht’s Dir gut!’, sage ich meinem ängstlichen Ich. Die Angst der ersten Nacht – jetzt eingekuschelt im Schlafsack, spür ich sie kaum. Es raschelt ab und zu in der Nähe. Da, ein größeres Tier! “Beruhige Dich, Hasenherz!”  Meine hauchdünne Zeltwand bietet wenig Abstand von allem was da kreucht und fleucht. Es dauert noch lange, bis ich einschlafe.

Am Morgen frohes  Erwachen. Jetzt bin ich richtig entspannt. “Danke, liebes Schicksal!” Auch wenn ich beim Rauskriechen erstmal nasse Haare bekomme und es auch auf den Schlafsack tropft, weil die Zeltdecke so niedrig hängt. Perfekt muss es nicht sein!

suedriess400Ich besichtige auf meiner kleinen Morgenrunde die bröckeligen Kalksteinfelsen vom Korkstein. Die Gegend hier am Rande des Ries ist sehr lieblich mit Magerwiesen, Felsen, Höhlen und Teichen.

Alles zusammen packen dauert fast eine geschlagene Stunde heute! Dann muss ich nochmals zurück, weil ich meine Gummikappen für die Spitzen der Wanderstöcke habe liegen lassen. Die Sonne wärmt schon, als ich loswandere. Erst geht es über Wiesen-, Feld- und  dann Waldwege nach Norden Richtung  Schloss Baldern. Statt schönes Frühstück ist erstmal Schmalhans Küchenmeister: reichlich Wasser für reichlich Medikamente. Mein Arzt umsorgt mich. Aber ich spüre keinen Hunger. In jüngeren Jahren hätten mir längst die Knochen geschlottert vor Schwäche.

Dort liegt der Schlosshügel hoch und fern. Mit einigen Schnaufpausen arbeite ich mich durch das sanfte Tal hoch zum Dorf Baldern und dann über einen hübsch eingewachsenen alten Weg  zum barocken Schloss.

Wie schön: ein Schlosscafe wartet gleich hinterm Eingangstor auf mich! Zum “Spätstück” bestelle ich mir  Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat, Apfelkuchen und eine heiße Schokolade.—> Anekdote “Seine Durchlaucht”

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Fussgaengerzone Ellwangen

Ich bin dann an jenem ersten Tag versehens gleich 25 bis 30 km gelaufen. Das versuche ich normalerweise gerade am Anfang zu vermeiden, um mich ohne Stress und ohne erschöpft zu werden, aufzubauen. Aber es ging nochmal gut. Das erste Städtchen war Ellwangen und es war gleich besonders attraktiv. Durch hübsche Gassen fand ich in die Altstadt und mietete mich für eine Nacht im “Rotochs”, einem sehr gepflegten kleinen Hotel, in der Fussgängerzone ein. Alles paßte: Feines Zimmer, gutes Essen,  Wäschewaschen, Zelttrocknen, und ich fand sogar noch Zeit, den Koch nach dem Rezept zu seinem guten Rahmbraten auszufragen.

Was mir alles widerfahren ist, werde ich gerne nachliefern. Auch Geschichten von anderen Jahren.  —> Siehe Anekdoten.

Nächstes Jahr soll es vom Neckar bei Heidelberg weiter in den Odenwald oder in die Pfalz  nach Nordwest gehen.

 

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